Im Vorfeld des zapatistischen Aufstands vom 1. Januar 1994 versuchte die mexikanische Zentralregierung in den 70er und 80er Jahren, den wachsenden Widerstand im Bundesstaat Chiapas durch geschicktes teile und herrsche auszubremsen. Torben Ehlers schreibt:

„Auf zweierlei Weise wurde von der „Familia Chiapaneca“ (herrschende Elite) auf die Oppositionsbewegungen reagiert: zum einen mit der Mobilisierung von Entwicklungsgeldern an staatstreue Adressaten und zum anderen durch massive Anwendung von Gewalt. […]

Castellanos, Gouverneur in Chiapas von 1982-1988, schuf den „Plan de Rehabilitatión Agraria“, dessen Ziel es war, die unabhängigen Organisationen durch gegenseitige Ausspielung zu schwächen und zu spalten. Absichtlich wurden viele Ländereien doppelt vergeben, so dass es zu Zerwürfnissen zwischen unabhängigen Organisationen wie der OCEZ und der CIOAC sowie der offiziellen Bauerngewerkschaft kam. […] Zu den sich gegenseitig schwächenden Campesino-Organisationen kamen auf Seiten der Staatspartei noch die für diese agierenden indianischen Kaziken und andere, in der Regel von Grußgrundbesitzern beauftragte paramilitärische Gruppierungen („Weißgardisten“).“

(Torben Ehlers, Der Aufstand der Zapatisten – Die „widerspenstige Schnecke“ im Spiegel der Bewegungsforschung, Tectum, 2009, S. 51 u. 52)

Clever. Land doppelt vergeben und damit die widerständigen Bäuer_innen* gegeneinander aufbringen.

Zum Glück taten die Zapatistas letztlich das Gegenteil: Statt sich spalten zu lassen, fanden sogar die revolutionäre EZLN mit städtisch-universitärem Hintergrund und die bis aufs Blut ausgebeutete, großteils indigene Landbevölkerung Chiapas zusammen und arbeiten seit 1994 gemeinsam am Aufbau humanerer, selbstbestimmterer Strukturen.

El Mural de Taniperla

Interessant übrigens, wie sich laut Ehlers die ursprünglich autoritär organisierte EZLN zwecks Rückhalt in der Bevölkerung indigenen Konsens- und Räte-Konzepten (tzeltal „huoc ta huoc“) öffnen musste und eine ungewöhnlich machtkritische Befreiungsarmee entstand, die sich basisdemokratischen Beschlüssen der Landbewohner_innen unterwirft (vgl. Der Aufstand der Zapatisten, S.69-75).

Ebenfalls spannend unter dem Aspekt teile und herrsche: Im generell offeneren Klima seit 1994 konnten die chiapanekischen Frauen wesentlich mehr Selbst- und Mitbestimmung erkämpfen, als ihnen eine machistische Armee (EZLN) und traditionell patriarchale indigene Strukturen zu Beginn zugestehen wollten (vgl. Der Aufstand der Zapatisten, S. 71, und Zwischenzeit e.V., Das Recht glücklich zu sein, Münster 2009). Meine Hypothese ist, dass der Erfolg der Zapatistas gegen die eigentlich übermächtige mexikanische Zentralregierung auch durch ein Zurückdrängen des teile und herrsche zwischen Männern und Frauen (bzw. von Männern über Frauen) mitbestimmt wird.

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