Fragmente aus Ingeborg Bachmanns Das dreißigste Jahr:

„Im Moralhaushalt der Menschheit, der bald ökonomisch, bald unökonomisch geführt wird, herrschen immer Pietät und Anarchie zugleich. Die Tabus liegen unaufgeräumt herum wie die Enthüllungen.“

„Der große Streik: der augenblickliche Stillstand der alten Welt. Die Niederlegung der Arbeit und des Denkens für diese alte Welt. Die Kündigung der Geschichte, nicht zugunsten der Anarchie, sondern zugunsten einer Neugründung.“

(Ingeborg Bachmann, Das dreißigste Jahr, Piper, 3. Aufl, 2007, S. 54 u. 55)

Ich mag Bachmanns Stil, auch wenn ich zugeben muss, Vieles nicht zu verstehen und bei ihrer Prosa gelegentlich weiterzublättern, wenn es mir zu langatmig wird. Trotzdem spricht mich ihre Melancholie, ihr nachdenkliches Beschreiben an.

Wenn ich sie richtig verstehe, verwendet sie das Wort Anarchie hier synonym zu Unaufgeräumtheit und gegenteilig zu Neugründung. Bemerkenswert, da gerade Streiks oft als Baustein einer Neugründung im anarchistischen Sinne, einer möglicher Weise aufgeräumteren Gesellschaft als der unseren genannt werden.

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